Die Digitalisierung scheitert an den digitalen Tools

Ein Rant über Microsoft SharePoint und PowerAutomate - Tools, die in die richtige Richtung gehen, aber für normale User viel zu kompliziert sind.

Die Digitalisierung scheitert an den digitalen Tools

Klar, Digitalisierung scheitert. Meine These ist ja seit Langem, dass das, was wir oft bereits für Digitalisierung halten, im Grunde "nur" Elektronisierung ist. Vorgänge, die wir in vorelektronischen Zeiten eben von Hand oder mit einer höchst komplizierten mechanischen Apparatur erledigt haben, machen wir jetzt eben mit einer noch komplizierteren elektronischen Apparatur. Aber der Vorgang an sich bleibt, die Elektronikkasper auf den Schreibtischen und in unseren Hosentaschen ersetzen halt Stift und Papier (und können partiell noch ein bisschen mehr, zugegebenermaßen) - aber die Arbeit bleibt grundsätzlich trotzdem an uns individuell hängen. Und wir machen sie weiterhin "manuell".

Ich definiere Digitalisierung daher für mich anders. Digitalisierung ist für mich, wenn diese manuellen Aufgaben endlich von dem Elektronikkasper selbst übernommen werden. Warum muss ich meine Termine in Outlook eigentlich selber führen? Warum E-Mails schicken, die nur für die technisch-administrative Abwicklung eines Prozesses nötig sind? Warum Protokoll führen oder Rechnungen selber schreiben?

Warum macht das nicht die Maschine für mich - nach klaren Regeln und Abläufen?

Weil diejenigen, die für die Digitalisierung zuständig sind, noch nicht so weit sind. Oder nicht so weit sein wollen und diese Form der "Automatisierung" regelrecht verhindern.

Ja, das hier wird ein Rant über Microsoft und seine "Digitalisierungstools" SharePoint und PowerAutomate - Tools, die wirklich in die richtige Richtung gehen, in den letzten Jahren immer einfacher wurden in der Bedienung. Für die aber augenscheinlich immer noch mindestens ein Informatik-Bachelor vorausgesetzt wird. Obwohl Microsoft verkündet:

"Kümmern Sie sich um das, was wichtig ist. Automatisieren Sie den Rest." (Microsoft)

Ich bin kein Informatiker, wie wir alle wissen. Und damit bin ich natürlich aufgeschmissen. Als ganz normaler User mit ein wenig technischer Affinität möchte ich ja ganz genau das: Eine Automatisierung vieler, vieler Aufgaben. Und manche Aufgaben sind wirklich einfach als Textaufgabe zu formulieren. Ich hänge beispielsweise seit Tagen an einer Knobelaufgabe fest, bei der ich mich wirklich fragen muss: Warum geht das nicht, Microsoft?

Die Aufgabe ist super simpel: Ich will in einer SharePoint-Liste meine Zeiten erfassen, die ich für Kunden aufwende. Und dann will ich ihnen eine Rechnung schreiben mit den aufgelaufenen Stunden. Easy as pie, möchte man meinen. Mit Stift und Papier jedenfalls kein Problem.

Mit SharePoint hingegen ein Riesen-Aufwand, obwohl alle einzelnen Funktionen, die dafür nötig wären, schon da sind. Eine Liste - super einfach zu erstellen. Aber schon die Dauer zu berechnen zwischen Startuhrzeit und Enduhrzeit benötigt eine, wenngleich einfache, Formel. Warum rechnet die Maschine sowas wie "Dauer einer Aufgabe" bei bekanntem Start- und bekanntem Enddatum nicht automatisch aus? Das wäre für mich Digitalisierung! Aber okay, die Formel ist ja einfach, Enddatum-Startdatum und in die richtige Schreibweise formatiert - das bekommt man "manuell" noch hin.

Aber was "man" nicht mehr ohne Weiteres hinbekommt, ist die Summe der einzelnen Stunden. Sharepoint kann diese Summe nicht bilden, weil - haltet Euch fest! - die einzelnen Stunden ja dummerweise mit einer Formel berechnet worden sind! (Für den Hintergrund: SharePoint kann grundsätzlich keine Summen bilden aus "Berechneten Spalten"...)

Und das war schon immer so, in allen SharePoint-Versionen. Um Sharepoint einfach alle Stunden zusammenzähen zu lassen (das müsste ein Computer doch können, oder? Einfache einstellige Zahlen zusammenzählen...), müssen wir vorher bspw. einen Workflow starten: Nimm das Ergebnis aus der Spalte "Stunden", das Du selber ausgerechnet hast, liebes SharePoint, und starte einen Flow, der dann aufwändig in drei, vier Schritten dieses Ergebnis in eine weitere Spalte kopiert. Dann auf einmal klappt das mit der Summe, dann kann SharePoint die einzelnen Stunden problemlos zusammenzählen.

Crazy.

So, aber damit sind wir keinen Schritt weiter. Denn diese Summe hätte ich ja gerne in meiner Rechnung. Manuell kein Problem: Ich nehme die Maus und kopiere die Zahl. In SharePoint unmöglich. Es gibt - außer über eine nur InformatikerInnen zuzumutende RESTful-Abfrage dieser Summe oder einem weiteren Flow, der die Summe aus einem Array der Einzelstunde iteriert oder eine komplexe XPath-Funktion nutzt - keine mir bekannte Möglichkeit, mit dieser vorhandenen Summe weiterzuarbeiten. Sie also für meine Rechnung zu verwenden.

"Automatisieren Sie den Rest" - irgendwie eine zynische Aussage, denn: Das würde ich ja gerne. Aber es geht nicht "einfach", und für die wirklich wichtigen Dinge habe ich nun keine Zeit mehr, weil das Automatisieren unfassbar zeitraubend ist (für mich. Für Expertinnen und Experten selbstverständlich nicht).

Also bleibe ich halt notgedrungen bei meiner Excel-Liste und kopiere die Stunden mit der Maus in meine Word-Vorlage. Das ist letztlich "einfacher" für mich.

Und das ist das, was ich meine: An der schleppenden Digitalisierung sind auch und in ganz besonderem Maße diejenigen Schuld, die die Tools für die Digitalisierung entwickeln. Sie scheinen kein Interesse daran zu haben, dass einfache Dinge für uns "Normalos" einfach funktionieren. Sie bauen künstliche Barrieren auf, Hürden, die es uns kaum ermöglichen, ganz einfache Dinge zu automatisieren. Dinge, die ja schon "da" wären und die wir nur noch zusammenklicken bräuchten. Oder sie direkt Siri diktieren könnten. Es klappt nicht, vorsätzlich (?) technisch bedingt.

Solange die Werkzeuge keine Digitalisierung erlauben, können wir uns auch nicht beschweren, dass Unternehmen die Digitalisierung nicht vorantreiben. Der Aufwand ist einfach zu hoch, die einfach scheinende Aufgabe wirklich kompliziert.

Und klar sind Informatikerinnen und Informatiker sicher anderer Meinung und halten diese Probleme für einfach lösbar. Und klar sagen Betriebswirte, dass diese Lösungen ja nicht von Jedermann zusammengeklickt werden sollen, dann bräche ja ein Geschäftsmodell für IT-Firmen weg. Und klar sagen sofort die Pragmatiker: Warum machste das überhaupt in SharePoint, kauf Dir doch für 5 Euro die Software xy, die macht das für Dich.

Das stimmt ja alles, kann aber doch nicht die Lösung für eine der Mega-Zukunftsthemen schlechthin sein, oder? Ich fordere "Digitalisierung für alle" - nicht nur für Eingeweihte! Sonst kann das logischerweise nichts werden mit der Digitalisierung. Da können wir uns noch so hämisch über den ach so langsamen und ach so analogen Öffentlichen Dienst lustig machen oder den ach so bequemen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und den ach so entscheidungsschwachen Managerinnen und Managern die Schuld zuschieben.

Nein: Oft ist die Software noch nicht so weit, weil sie nicht für uns Nutzende gemacht ist. Und das ist das eigentliche Problem. Wie seht Ihr das? Bin an Euren Erfahrungen sehr interessiert - und an einer Lösung für mein Rechnungsproblem auch. ;-)