Die "Edelprostituierte" Rosemarie Nitribitt starb im Oktober vor 50 Jahren
Frankfurt am Main (pia) Der Stadtführer Christian Setzepfandt stellt fest: "Neben Goethe ist sie die Frankfurter Persönlichkeit, um die sich die meisten wahren und unwahren Geschichten ranken" - gemeint ist Nitribitt. Sie war gerade 24 Jahre alt, als sie gewaltsam starb, und doch hat sie "Frankfurt erst richtig bekannt gemacht, seinen eigentümlichen Ruf begründet", wie die Frankfurter Neue Presse zu ihrem 20. Todestag schrieb. Die Frankfurter Rundschau nannte sie 1977 "beinahe ein Symbol des Wirtschaftswunders".
Wohlhabende Industrielle besuchten sie regelmäßig. Es kursierten Gerüchte über versteckte Tonbandaufnahmen und geheime Kameras. Sogar Regierungsbeamte in Bonn sollen ihr Adressbuch gefürchtet haben. Es wurde eine wahre Kriminalgeschichte der Nachkriegszeit.
Rosalia Annemarie Nitribitt wurde am 1. Februar 1933 in Düsseldorf geboren. Bis zum Alter von fünf Jahren lebte sie in einem Waisenhaus, mit vierzehn kam sie in eine Erziehungsanstalt, und mit achtzehn wurde sie wegen Landstreicherei verhaftet. Mit zwanzig arbeitete sie als Prostituierte in Frankfurt unter dem Namen "Rebecca".
Wer sie kannte, sagte, sie sei nicht außergewöhnlich schön gewesen. Die wenigen erhaltenen Fotografien zeigen keine Schönheitskönigin der fünfziger Jahre, sondern eine kultivierte Frau im Nerzmantel mit Diamantring, großem Hut und in ihrem berühmten schwarzen Mercedes - ihrem wichtigsten Marketinginstrument.
Trotz ihres Geschäftssinns - Berichten zufolge verdiente sie monatlich 11.000 Mark - hatte sie einen Ruf für Geiz und Naivität. Am 1. November 1957 entdeckte die Polizei ihre erwürgte Leiche in ihrer Wohnung, vermutlich Tage zuvor getötet. Es war kein Raubmord.
Die Ermittlungen erwiesen sich als schwierig, und in der Presse wucherten die Spekulationen: Erpressung? Spionage? Ihr "Liebesnotzbuch" soll einen Stahlbaron aus Essen, einen Kugellagerfahrikanten und dessen Playboy-Sohn sowie einen bayerischen Automobilhersteller aufgelistet haben. Einer soll "bis zu einer Viertelmillion" für das Dokument geboten haben, so die Bild-Zeitung.
Beweise deuteten auf den 35-jährigen Heinz Pohlmann. Obwohl chronisch pleite, frequentierte er regelmäßig "Rebeccas" Wohnung. Ende Oktober hatte er erhebliche Schulden beglichen und bar ein neues Auto gekauft - Geld vermutlich aus ihrem Tresor. Sein Alibi war widersprüchlich, seine Aussagen offensichtlich falsch. Am Mordtag hatte er Blut an der Hose und an der Lippe. Am 12. Juli 1960, nach 33 Verhandlungstagen, sprach ihn das Frankfurter Schwurgericht aus Mangel an Beweisen frei. Er verkaufte seine Geschichte exklusiv an das Magazin Quick, bevor er angeblich von Essener Stahlmagnaten für 50.000 Mark "zum Schweigen gebracht" wurde.
War Pohlmann schuldig, oder kam der Mörder aus den höchsten Kreisen der Nation? Noch Jahrzehnte später waren sich der Frankfurter Kripochef und der vorsitzende Richter uneinig. Die Historikerin Marie-Luise Recker erklärt die Bedeutung des Falls: "Die Tatsache, dass der Tod der 'blonden Rosi' ungeklärt blieb, trug zu einer Aura der Undurchsichtigkeit und Dunkelheit bei."
Die pikante Geschichte - mit Andeutungen von Industriespionage und Laster in der Elite - fesselte die Epoche. Recker bemerkt, der Fall "passte perfekt in die Zeit": Eine prüde, moralisch konservative Gesellschaft glaubte, einen Blick in die "Welt der Großen" zu erhaschen. Die Frankfurter FNP resümierte dreißig Jahre später: "Das Mädchen Rosemarie ist unwichtig."
Ohne ihren eigentümlichen Namen - den manche Zeitgenossen an Sprengstoffe erinnert fanden (Nitroglycerin und Ekrasit) - wäre der Fall vielleicht nie berühmt geworden. Dennoch inspirierte er mehrere Filme und Theaterstücke. 1958 versuchte das Auswärtige Amt aktiv zu verhindern, dass Rolf Thieles Film "Das Mädchen Rosemarie" bei den Filmfestspielen von Venedig Beachtung fand, aus Angst, er könnte dem Ruf des Wirtschaftswunders schaden. Noch 1992 musste sich Politiker Hans Eichel verteidigen, als seine Staatskanzlei versehentlich Nitribitts 35. Todestag auf die offizielle Staatsgedenkliste setzte.
Der Fall fasziniert das zeitgenössische Publikum und haftet an Frankfurt wie Nachkriegs-Kaugummi. Setzepfandts Nitribitt-Führungen ziehen immer Menschenmengen an. Kürzlich porträtierte Die Zeit sie noch immer in ihrem Mercedes durch die Stadt fahrend. Erhebliche Publicity für ein eher unauffälliges Verbrechen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung resümierte: "Die Justiz- und Kriminalgeschichte des Skandals endet in einem ziemlich unaufregenden Nichts-ist-sicher-bekannt."
Rosemarie Nitribitt fand ihre letzte Ruhe auf einem Düsseldorfer Friedhof.
Harald Ille
(Der Artikel erschien am 9. Oktober 2007 als "Wochendienst" des Presse- und Informationsamtes.)